Westfalenlotsen - Migranten stärken die Region
Westfalen ist eine Einwanderungsregion mit Tradition; jeder Vierte Einwohner NRWs hat eine eigene Zuwanderungsgeschichte. Besonders in den westfälischen Industriegebieten nahm die Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte und ihrer Familien in den sechziger Jahren zu. Die erste „Welle“ von Einwanderern aus Osteuropa vom Beginn des 20. Jahrhunderts ist längst integriert und hat zu einer eigenen Kultur im westfälischen Ruhrgebiet beigetragen. An den in jüngerer Zeit zugezogenen Gruppen zeigt sich aber, dass Integration keine Selbstverständlichkeit ist – noch immer kennzeichnen mangelnde Sprachkenntnisse und Unsicherheiten im Umgang mit anderen Kulturen das Zusammenleben der Migranten und der einheimischen Bevölkerung.
Eine gelungene Integrationsarbeit, also Einbindung von Migranten und Zusammenführung unterschiedlicher Kulturen, bedarf großer Kreativität. In der Arbeitsgruppe „Bürgerschaftliches Engagement“, die aus der Zukunftskonferenz „Westfalen 2020“ der Stiftung hervorgegangen ist, wurde die Idee entwickelt, einen speziell auf Westfalen zugeschnittenen Ansatz zu entwickeln. Kreativität wurde bereits von vielen sozialen, gemeinnützigen und kirchlichen Organisationen entwickelt, allerdings laufen diese Integrationsprojekte wenig vernetzt nebeneinander her. Vernetzung und Austausch von Know-how muss also ein wichtiger Bestandteil innovativer Integrationsarbeit sein.
Der „Westfalenlotse“, das im Kreis Borken angesiedelte Pilotprojekt, soll daher sowohl eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Angebote für Menschen mit Migrationshintergrund leisten als auch ihre sinnvolle Ergänzung ermöglichen. Das Rad muss nicht immer neu erfunden werden, deshalb gilt es zunächst, die vorhandenen Angebote zu erfassen und zu vernetzen. Im nächsten Schritt sollen Migrantinnen und Migranten, die seit längerer Zeit im Kreis Borken bzw. in der Region Westfalen leben und über ausreichende Sprachkenntnisse verfügen, als „Lotsen“ gewonnen und qualifiziert werden. Die Lotsinnen und Lotsen agieren für ihre Landsleute und für die einheimische Bevölkerung als Mittler zwischen den Kulturen. Sie sollen nach ihren Interessenslagen und Stärken für verschiedene so genannte Integrationsknotenpunkte als Mittler fungieren. Solche Knotenpunkte können Kunst und Kultur, Familie und Kinder, Wirtschaft und Arbeitsmarkt oder auch Sport und Gesundheit sein. Geplant ist, mit den Schwerpunktthemen „Kunst und Kultur“ und „Sport und Gesundheit“ zu beginnen.
Eine explorative Kurzstudie im Südkreis Borken über den Zusammenhang zwischen bürgerschaftlichem Engagement und Integration hat gezeigt, dass zwischen der Zufriedenheit mit der Aufnahmeregion und dem Engagement ein enger Zusammenhang besteht. Migranten, die sich mit ihrer Region mehr verbunden fühlen und zufrieden sind, zeigen z.B. eine höhere Engagementbereitschaft – und umgekehrt. Das Projekt soll also auch über die Aktivierung zum Engagement das Heimatgefühl und die Zufriedenheit der Migrantinnen und Migranten mit ihrer Region stärken.
Zum praktischen Einsatz der Lotsinnen und Lotsen gehören Beratungstätigkeiten für Einzelpersonen oder Organisationen und Begleitung zu Ämtern und Behörden ebenso wie die Vorbereitung und Durchführung von gemeinsamen Veranstaltungen, die Koordination von freiwilligen Einsätzen in der Kommune oder Nachbarschaft oder die Vermittlung bei Konflikten. Der Einsatz der Lotsen erfolgt auf ehrenamtlicher Basis, eine Schulung (Lotsentraining) für diesen Einsatz ist unerlässlich.
Die Westfalen mit Migrationshintergrund werden in regionale Aktivitäten eingebunden. Damit wird auch ihr bereits vorhandenes Engagement in ethnischen Vereinen und Netzwerken, interkulturellen und in deutschen Vereinigungen in für die Mitbürger sichtbar gemacht. Andere Organisationen werden für die Migranten geöffnet, die im Vereinswesen ansonsten bisher unterrepräsentiert sind.
Das Projekt Westfalenlotse stärkt damit die Identität der Region und die Identifikation ihrer alten und neuen Einwohner mit Westfalen. Das Bildungspotenzial der zugewanderten Mitbürger kann durch das Lotsentraining besser genutzt und auch gestärkt werden. Die Migranten, aber auch die Lotsen entwickeln ein besseres Verständnis für die spezifischen Eigenheiten Westfalens. Ziel des Projektes ist auch, deutlich zu machen, dass Westfalen den Menschen, die hier wohnen, eine Heimat bietet und dass die Region durch die Vielfalt und Fähigkeiten derer, die hier wohnen, stark bleibt.
Als Integrationsknotenpunkte des Projekts wurden aufghrund der Recherche die Bereiche Gesundheit sowie Sport und Kultur identifiziert. Auswahlkriterien waren: Für welche Ansatzpunkte sind bereits Strukturen vorhanden? Wo kann man in der ländlichen Region am stärksten auf Resonanz hoffen? Wie kann das Ziel der Stärkung der interkulturellen Öffnung der Vereine erreicht werden?
Im Bereich Kultur gibt es bereits Vorläuferprojekte (Projekt IDee), auf deren Ergebnisse und Netzwerke zugegriffen werden kann. Auch im Bereich Gesundheit sind bereits unterschiedliche Projekte im Bereich des DRK entstanden und durchgeführt worden. Unter dem Stichwort Prävention und Information werden derzeit verstärkt Projekte und Ansätze etabliert, die helfen sollen, dass Verständnis zwischen Arzt und Migranten zu stärken sowie das Informationsdefizit auf beiden Seiten zu beheben. Hier wird eine Vernetzung zum Projekt Westfalenlotse angestrebt.
Im Bereich Sport gibt es in der Region sehr viele etablierte Vereine. Hier kann eine große Zahl an interessierten Personen erreicht werden. Die Sportvereine verstehen sich dabei als Angebot für alle Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Zudem gibt es auch Sportvereine, die durch Migranten und Migrantinnen initiiert wurden z. B. der Türkische Sportverein Ahaus 1993 e. V. Über die Vernetzung des Projektes mit den Sportvereinen kann eine weitere Stärkung des Engagements im Gesundheitsbereich erreicht werden.
Zur Zeit laufen die ersten Lotsenschulungen.
Ansprechpartnerin:
Cathrin Germing
DRK-Soziale Arbeit und Bildung gGmbH
Röntgenstr. 6, 46325 Borken
Telefon: 0163 8029 121
E-Mail: c.germing@kv-borken.drk.de
Internet: www.kv-borken.drk.de
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